Geschäftsmodelle nicht nur optimieren, sondern neu gestalten

Dr. Oliver Grün ist Präsident des Bundesverbands IT-Mittelstand e.V. (BITMi). In seinem Gastbeitrag kommentiert er den Stand der Digitalisierung im deutschen Mittelstand. Sein Rat: Geschäftsmodelle müssen neu gestaltet und um neue, datengetriebene Services ergänzt werden.

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass der Mittelstand der Motor und das Rückgrat der Wirtschaft ist. In Deutschland erwirtschaften kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) rund 35 % des Gesamtumsatzes deutscher Unternehmen und stellen mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze[1]. In Österreich zählen sogar rund 99,6 % aller Unternehmen zum Mittelstand[2]. Daher ist es besonders wichtig, dass der Mittelstand für die Digitalisierung gewappnet ist, denn Innovation und Fortschritt sind die Grundlage der Wettbewerbsfähigkeit und des Wohlstands eines Landes. Wer im globalen Wettbewerb nicht nur konkurrenzfähig bleiben, sondern auch eine führende Rolle einnehmen möchte, muss im digitalen Wandel Schritt halten können, denn nur eine digitale Wirtschaft ist heute noch zukunftsfähig.

Tiefgreifendes Verständnis erforderlich

Trends der Digitalisierung wie Big Data, Blockchain, künstliche Intelligenz (KI) oder das Internet der Dinge (IoT) sind aktuell in aller Munde. Der technologische Fortschritt ist allgegenwärtig, Social Media, Cloud-Anwendungen und mobile Apps sind längst ein selbstverständlicher Teil unseres privaten Alltags, sodass uns deren Nutzung im beruflichen Umfeld ebenso selbstverständlich scheint. Digitale Kompetenz ist damit mittlerweile zu einer Basisanforderung geworden, was die Gestaltung unseres Alltags, die Teilnahme am öffentlichen Leben und unser Arbeitsumfeld betrifft. Doch die Technologien der Digitalisierung erfordern in der Arbeitswelt auch viele neue Qualifikationen. Für eine erfolgreiche digitale Transformation genügt es nicht, neue Anwendungen nur bedienen zu können. Es erfordert vielmehr ein tiefgreifendes Verständnis für das Zusammenspiel der verschiedenen Technologien und den daraus entstehenden Synergien und Möglichkeiten, um das Potenzial der Digitalisierung wirklich zu erkennen und eine erfolgreiche Transformation zu vollziehen.

Herausforderung Kompetenzentwicklung

Für den Mittelstand ist diese Kompetenzentwicklung eine echte Herausforderung. Die meisten Mitarbeiter mittelständischer Unternehmen sind keine „Digital Natives“ und haben großen Nachholbedarf in puncto digitaler Kompetenzen. Bis heute ist der Erwerb digitaler Fertigkeiten in den meisten europäischen Ländern kaum im Schulsystem verankert und wird daher auch der nachfolgenden Generation nur unzureichend vermittelt. Neben dem Alltagsgeschäft bleibt in kleinen und mittleren Unternehmen oft wenig Zeit, hier nachzuarbeiten. Zudem übersteigen im Mittelstand nicht selten die Kosten das Interesse, in die Weiterbildung der Mitarbeiter zu investieren. Viele Mittelständler erkennen noch nicht den Bedarf der Digitalisierung ihrer solide funktionierenden Geschäftsprozesse. Doch genau das gefährdet die Zukunftsfähigkeit von KMU, da sie schnell abgehängt werden, wenn sie im rasanten und unaufhaltsamen digitalen Wandel nicht Schritt halten können. Und die Digitalisierung verursacht eben nicht nur Aufwand und Kosten, sie reduziert auf Dauer auch beides.Zunächst optimiert die Digitalisierung in der ersten Stufe Prozesse, um diese effektiver und somit effizienter zu gestalten. Sie optimiert die Produktion, vereinfacht die Kommunikation mit und unter den Mitarbeitern und bewirkt damit schnellere und genauere Abstimmungen. Digitalisierung steigert den Kundenservice und ermöglicht es, neue Kunden gezielter und effektiver zu erreichen. Cloud Computing, Platform as a Service (PaaS) oder Software as a Service (SaaS) befähigen auch kleine Unternehmen, mit gemieteter Rechenleistung und Ähnlichem ihren großen Konkurrenten standzuhalten.

Erst digitale Transformation entscheidend für echte Zukunftsfähigkeit

Neue Technologien können Flexibilität und Effizienz steigern, Fehlerquellen vermindern und neue Innovationen ermöglichen. Bestehende Prozesse zu optimieren sollte jedoch noch nicht das Ende der Digitalisierungsbemühungen sein. Deshalb ist die digitale Transformation als zweite Stufe der Digitalisierung der entscheidende Schritt für echte Zukunftsfähigkeit. Hier geht es darum, seine Geschäftsmodelle nicht nur zu optimieren, sondern neu zu gestalten und um neue, datengetriebene Services zu ergänzen. So können vom Mittelstand ungeahnte Möglichkeiten zur Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit genutzt werden, um auch auf dem Markt der Zukunft zu bestehen. 


[1] BMWi 2018: Wirtschaftsmotor Mittelstand – Zahlen und Fakten zu den deutschen KMU

[2] www.kmuforschung.ac.at/zahlen-fakten/kmu-daten