Zukunftsforscher Rohit Talwar: „Unternehmen müssen handeln, um ihre Zukunft zu sichern“

Als Zukunftsforscher wird Rohit Talwar oft gefragt, ob ein Unternehmen auf diesen oder jenen digitalen Trend aufspringen soll. Denn viele mittelständische Geschäftsführer sind getrieben von den Möglichkeiten, die Begriffe wie das Internet of Things oder Cloud Computing suggerieren. Doch der Brite weiß, dass es gerade diese inflationär eingesetzten Buzzwords sind, die die Sicht auf die spezifischen Herausforderungen für das eigene Unternehmen versperren können. Ein Interview.

A1 Digital: Das Phänomen „deutscher Mittelstand“ existierte lange vor der Digitalisierung oder gar der digitalen Transformation. Doch was hat das eine mit dem anderen zu tun? Und warum fokussiert sich die mediale Diskussion um die Digitalisierung so stark auf die kleinen und mittleren Unternehmen Deutschlands?

Rohit Talwar: Der Mittelstand war und ist eine wichtige Wirtschaftskraft in Deutschland, ein bedeutender Arbeitgeber und Herz des guten Rufs für Präzision, Qualität und Ingenieurskunst von Weltruf. Sich jedoch nur auf diese Attribute zu verlassen, kann auch dazu führen, dass man digitalen Innovationen mit einem gewissen Maß an Konservatismus begegnet. Die Herausforderung besteht deswegen darin, den KMU zu helfen, ihre Denkweise zu ändern und Ideen loszulassen, die nicht mehr am Markt funktionieren. So lässt sich unter Beibehaltung der eigenen hohen Standards Raum für neue digitale Möglichkeiten schaffen.

Die digitale Entwicklung kleiner und mittlerer Unternehmen zu beschleunigen ist eine sich weltweit wiederholende Herausforderung. Unternehmen dieser Größe sind wichtige Arbeitgeber und müssen im Interesse der Wirtschaft wettbewerbsfähig bleiben. Da zudem größere Unternehmen in zunehmendem Maße Arbeitnehmer automatisieren und entlassen, wird man noch stärker auf bestehende und neue mittelständische Unternehmen setzen, um neue Möglichkeiten für Arbeitnehmer zu schaffen und die Beschäftigungslücke zu schließen.

A1 Digital: Warum sollten wir etwas ändern, unsere Produkte verkaufen sich doch gut! Oder: Macht der Erfolg den deutschen Mittelstand selbstgefällig?

Rohit Talwar: Dies ist eine globale Herausforderung und betrifft nicht nur die Wirtschaft. Menschen haben die Tendenz, sich zurückzulehnen und zu entspannen, wenn sie das Gefühl haben, die Nase vorn zu haben – im Geschäft, im Fußball und sogar in der Ehe! Vordenker sind hier jedoch anderer Meinung: Für sie sind Zeiten des Erfolgs genau die Zeiten, in denen wir uns auf die nächsten Runden der Innovation und des Wandels vorbereiten sollten. Die meisten unserer Wettbewerber werden sich zurücklehnen und ihren Erfolg mit Bier und einer Brezel genießen – und genau dann können wir uns einen Wettbewerbsvorteil verschaffen: Indem wir mit der Digitalisierung experimentieren, neue Kanäle ausprobieren und neue Produkte und Dienstleistungen auf den Markt bringen. Es ist viel schwieriger, den Wandel zu vollziehen, wenn der Erfolg sich nicht einstellt und sich die Märkte immer schneller verändern. In solchen Momenten fehlt es einfach an der Zeit für Experimente und Gedankenspiele. 

A1 Digital: Viele Menschen haben derzeit Angst, durch Roboter oder künstliche Intelligenz ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Was halten Sie davon?

Rohit Talwar: Dies geschieht bereits auf der ganzen Welt, und das Tempo des Wandels wird sich noch beschleunigen. In vielen Fällen werden Rollen automatisiert, in anderen werden ganze Jobs ersetzt. Während einige Unternehmen die wirtschaftlichen Vorteile durch Personalabbau nutzen werden, können andere ihre Mitarbeitenden umverteilen, um an wertschöpfenderen Aufgaben wie Problemlösungen, der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen und der Erschließung neuer Marktchancen zu arbeiten.

Neue Unternehmen und Wirtschaftsbereiche werden neue Arbeitsplätze schaffen. Die meisten davon werden ein höheres Bildungsniveau erfordern. Jedoch wird eine Lücke zwischen den bereits eingetretenen Arbeitsplatzverlusten und der Schaffung der neuen Möglichkeiten bestehen. Deswegen ist es unabdingbar, Menschen bei der Gründung eigener Unternehmen zu unterstützen.

A1 Digital: Deutschlands führende Industrieunternehmen haben die Digitalisierung schnell angenommen. Der viel gepriesene Mittelstand jedoch, der die meisten Deutschen beschäftigt und mehr als die Hälfte des BIP erwirtschaftet, reagierte nur zögerlich. Wie kann man den Mittelstand bei der Aufholjagd unterstützen?

Rohit Talwar: Ein intensiver Fokus ist erforderlich, um KMU zu ermutigen, die digitale Kompetenz ihrer Organisationen zu erhöhen. Wie in Singapur können Einzelpersonen persönliche Trainingsstipendien erhalten, um die Kosten für die Teilnahme an entsprechenden Kursen zu finanzieren. Unternehmen können steuerliche Anreize erhalten, um sicherzustellen, dass alle ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Schulungen zur digitalen Kompetenz teilnehmen. Das fängt an der Spitze an: Denn es ist unabdingbar, dass Führungskräfte die neuen Technologien und ihre Möglichkeiten verstehen.

A1 Digital: Nicht wenige Stimmen gehen derzeit davon aus, dass die Digitalisierung eine der größten Revolutionen in der Menschheitsgeschichte sein wird. Entsprechend werden Unternehmen Arbeitskräfte mit neuen Fähigkeiten benötigen. Nach neuesten Schätzungen werden in Deutschland aber bis 2040 3,3 Millionen Fachkräfte fehlen. Und die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland verschärft diesen Fachkräftemangel zusätzlich: Ohne einen massiven Zustrom von Zuwanderern werden bis 2040 mehr als 30 % der deutschen Bevölkerung 65 Jahre und älter sein. Wie muss sich das deutsche Bildungssystem verändern, um sich an die digitale Welt für neue und bestehende Arbeitnehmer anzupassen? Und welche Rolle sollte die Zuwanderung dabei spielen?

Rohit Talwar: Weltweit müssen wir die Bildungssysteme auf allen Ebenen neu erfinden – vom Kindergarten über die Schule und Hochschule bis hin zur Erwachsenenbildung und zum Lernen am Arbeitsplatz. Wir können nicht vorhersagen, welche Jobs die Menschen im Jahr 2040, 2030 oder sogar 2025 erledigen werden. Daher müssen wir uns darauf konzentrieren, die Lernfähigkeit der Menschen zu entwickeln und beschleunigte Lernprogramme zu schaffen, die den Arbeitnehmern den schnellen Übergang in neue Rollen erleichtern. Heutige 20-Jährige könnten theoretisch arbeiten, bis sie 90 oder älter sind (wenn es in 70 Jahren überhaupt noch Jobs gibt) und 20 oder mehr Jobs in fünf bis zehn Berufen haben.

Zudem müssen wir jene Fähigkeiten entwickeln, die den Menschen dabei helfen, am Arbeitsplatz effektiv zu sein: Kreativität, Zusammenarbeit, Problemlösung, Umgang mit Unsicherheit und Veränderung sowie Teamarbeit. Damit müsste man schon in frühen Jahren starten und sollte bis ins hohe Alter nicht nachlassen. 

Die finnische Regierung hat in der Universität Helsinki einen kostenlosen Online-Kurs über künstliche Intelligenz gestartet. Das Ziel der „Elements of AI“ ist es, künstliche Intelligenz zu entmystifizieren und zugänglicher zu machen. Für die Teilnahme sind keinerlei Mathematik- oder Programmierkenntnisse erforderlich. Der Kurs steht allen offen: Die finnische Regierung möchte, dass 2018 1 % der Bevölkerung an dem Kurs teilnimmt und mehr über Themen wie maschinelles Lernen oder neuronale Netze erfährt.

A1 Digital: Das ganze Land schreit nach Fachkräften, vor allem im IT-Bereich. Aber die bekanntesten Industrieunternehmen sind in Großstädten angesiedelt und schnappen sich die wenigen digitalen Experten weg, die es auf dem Arbeitsmarkt gibt. Was können vom IT-Fachkräftemangel betroffene mittelständische Unternehmen tun, um Fachkräfte anzuziehen?

Rohit Talwar: Arbeiten Sie mit lokalen Hochschulen und Universitäten zusammen, um IT-Kurse für diejenigen zu entwickeln, die in diesen Bereich umschulen möchten. Machen Sie diese Kurse zum Teil des Jobangebots, und bieten Sie einen gestaffelten Bonus an, um hervorragende Leistung auch zu belohnen. Nutzen Sie eine Kombination aus Online- und Präsenzschulungen, um bestehende Mitarbeiter auf IT-Rollen umzuschulen. Auch die Auslagerung kritischer kurzfristiger Projekte ist denkbar. Nutzen Sie „Software as a Service“- Anwendungen, wo immer dies möglich ist. Diese können auch von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ohne IT-Programmierkenntnisse betrieben werden.

A1 Digital: Ein Mangel an IT-Personal führt zu einem weiteren Problem, bei dem der Mittelstand Hilfe braucht: Während immer mehr Prozesse in Unternehmen digitalisiert werden, gelingt es den Unternehmen nur unzureichend, ihre Mitarbeitenden auf den technologischen Fortschritt vorzubereiten, der ihre Arbeitsplätze letztendlich verändern wird. Wie können die KMU die Herzen der Menschen für den Wandel gewinnen?

Rohit Talwar: Die Menschen müssen selbst erfahren, dass der Wandel real ist. Hier drei Ideen.
Erstens: Regelmäßige Treffen, bei denen Kunden des Unternehmens mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Unternehmens darüber sprechen, wie sich ihr Geschäft durch digitale Technologien verändert. So lernt die Belegschaft schnell, dass sich auch die Anforderungen an sie als Lieferanten verändern.

Zweitens: Ermutigen Sie bei wöchentlichen Teamtreffen ein oder zwei Mitglieder jedes Teams, Beispiele für Veränderungen, die sie in der Welt um sich herum beobachten und die Auswirkungen auf das Unternehmen haben könnten, zu teilen und zu diskutieren.

Drittens: Teilen Sie einige der unzähligen 30 bis 90 Sekunden kurzen Videos aus seriösen Quellen, die jede Woche im Internet kursieren und verschiedene Aspekte zeigen, wie digitale Technologie Veränderungen in unserer Welt ermöglicht. Ermutigen Sie die Mitarbeiter, ihre eigenen Beispiele zu teilen. Nur ein paar Wochen eines solchen Eintauchens können einen dramatischen Wandel bewirken.

A1 Digital: Um mit der globalen Konkurrenz in Asien und Nordamerika Schritt zu halten, muss die deutsche Industrie nicht nur in neue Technologien investieren, sondern auch in die Art und Weise, wie sie Daten sammelt und nutzt. Initiativen wie das „Industrie 4.0“-Programm der Bundesregierung sollen Unternehmen bei der Umstellung unterstützen. Aber angesichts der Sensibilität Deutschlands für die Erhebung personenbezogener Daten ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass dieses Programm nur langsam vorangeht.Was muss – wenn überhaupt – geändert werden, um den Unternehmen die Nutzung großer Datenmengen im Tagesgeschäft zu erleichtern?

Rohit Talwar: Die Nutzung großer Datenmengen bedeutet nicht immer eine Verletzung der Privatsphäre. Die meisten leistungsfähigen Anwendungen dienen der Aggregation von Daten zur Vorhersage von neuen Geschäftsmöglichkeiten. Der Kunde kann um Erlaubnis gebeten werden, die über ihn gesammelten Daten in anonymer Form zu verwenden. Einige würden sich vielleicht sogar freuen, wenn sie im Gegenzug für die Weitergabe von mehr Daten personalisierte Angebote erhalten. Die Schlüssel dazu sind Vertrauen und Experimente. Wir können uns nicht hinter der Regulierung verstecken, wenn wir im Wettbewerb bestehen wollen. China gibt rund 429 Milliarden US-Dollar für künstliche Intelligenz aus, um die globale Vorherrschaft zu erlangen – alle Unternehmen müssen aufwachen und handeln, um ihre Zukunft zu sichern.

A1 Digital: Von der Autobahn bis zur Hochgeschwindigkeitsstrecke wurde die deutsche Infrastruktur einst in der ganzen Welt beneidet. Das ist nicht der Fall, wenn es um digitale Infrastruktur geht. Ob Standard-Breitbanddienste oder modernste Glasfaserkabel – Deutschland ist weit von der Spitze entfernt. Bei der Breitbandgeschwindigkeit weltweit sogar nur auf Platz 25 hinter Ländern wie Bulgarien, Lettland und Rumänien. Welche Bereiche der digitalen Infrastruktur in Deutschland sollte die Politik zunächst verbessern?

Rohit Talwar: Das ist eine Frage der Geisteshaltung und keine technologische. Deutschland könnte sich mit einem beschleunigten Ausbauprogramm dazu verpflichten, das schnellste Breitbandnetz der Welt zu etablieren. Dies würde dazu beitragen, die an der Umsetzung beteiligten Unternehmen zu entwickeln und neue Unternehmen aus der ganzen Welt anzuziehen, die auf superschnelles Breitband angewiesen sind. Wäre dies eine Größenordnung größer als alles andere, das heute angeboten wird, dann könnten Wettbewerber nicht über Nacht aufholen, und Deutschland würde Kapazitäten aufbauen, die in den Rest der Welt exportiert werden könnten.