GAIA-X: Auf dem Weg zur digitalen Emanzipation

Die Vernetzung dezentraler Cloud-Infrastrukturen und der Aufbau eines gemeinsamen Ökosystems für Daten und Dienste soll die europäische Datensouveränität stärken und die Dominanz US-amerikanischer und asiatischer Anbieter reduzieren. Über den Fortgang der europaweiten Digitalinitiative GAIA-X, das Engagement und die aktuellen Aufgaben der A1 Digital darin berichtet Hans Berndl direkt aus dem Projekt.

Spezialisten zusammen zu bringen, verschiedenartige Entwicklungsarbeiten zu orchestrieren und zu koordinieren und bei allem stets das gemeinsame Ziel im Auge zu behalten, das ist für niemanden trivial. Erst recht nicht, wenn es sich um ein gigantisches, europaweites Digitalprojekt handelt, an dem rund 300 Unternehmen und Forschungseinrichtungen beteiligt sind und das unter der Schirmherrschaft des deutschen und französischen Wirtschaftsministeriums steht.

Entsprechend überrascht waren die Skeptiker, dass GAIA-X innerhalb von sechs Monaten nicht nur zur Grundlagenarbeit gefunden hat, sondern auch zur einer handlungsfähigen Rechtsform: Als Non-Profit Organisation wird die GAIA-X Foundation mit Sitz in Brüssel die gemeinsame Entwicklungsarbeit an der digitalen Souveränität Europas durch ein Multi-Provider Cloud-System fördern und steuern.

Aktiv dabei von Anfang an

Für uns hat die Arbeit am europäischen Projekt zur Emanzipation von großen US-amerikanischen Cloud-Anbietern (alias Hyperscaler) schon deutlich vor dem offiziellen Startschuss begonnen, der am 4. Juni 2020 fiel: A1 Digital ist bereits seit dem KickOff dabei und hat seine Expertise in das erste technische Architekturkonzept für GAIA-X ebenso eingebracht wie in die anbieterübergreifenden Teams, die gemeinsam an der technischen Infrastruktur-Spezifikation und den nötigen Standards arbeiten.

Das kürzlich veröffentlichte Architekturkonzept definiert die für GAIA-X nötigen Schnittstellen, die zentralen Dienste, sowie einzuhaltende Regeln und Standards. Ebenfalls zeigt es die technischen Anforderungen aus Sicht der Anwender auf. In der konkreten Entwicklung sind Use Cases für acht Bereiche: Energie, Finanzen, Gesundheitswesen, Industrie 4.0 im Mittelstand (KMU), Landwirtschaft, Mobilität, Öffentlicher Sektor sowie Smart Living.

Vernetzter Cloud-Verbund mit Daten-Ökosystem

Das gemeinsame Ziel ist die Vernetzung von Cloud- und Edge-Instanzen und ein gemeinsames, breitgefächertes Dienste-Angebot nach europäischen Recht und Datenschutz. Damit wären gleich mehrere der datenhoheitlichen Problematiken im internationalen Cloudmarkt eliminiert: Mit GAIA-X müssen Nutzer nicht mehr fürchten, an einen bestimmten Provider (Stichwort: Lock-In) gebunden zu sein. Stattdessen können sie ihre Daten und Anwendungen nach Bedarf und Belieben zwischen Provider-Plattformen verschieben und Dienste je nach Bedarf und Budget zusammenstellen.

Gleichzeitig können sie so die datenschutzrechtlichen Probleme Konflikte umschiffen, die sich aus der Rechtslage in den USA (Stichwort: CLOUD Act) ergeben, der die Mehrheit der Hyperscaler unterliegt. Der CLOUD Act steht in klarem Widerspruch zu den Bestimmungen der europäischen DSGVO (Datenschutzgrundverordnung), vor allem im Hinblick auf die umfassenden Zugriffsrechte staatlicher Organisationen. In einem europäischen Cloud-Verbund wie ihn GAIA-X anstrebt, genießen Infrastrukturen, Daten, personenbezogene Information und Anwendungen besonderen Schutz. Anwender, die Datenverarbeitung in der Cloud bisher scheuen, können Vertrauen fassen und endlich von Vorteilen wie etwa massive skalierbaren Kapazitäten und nutzungsbasierten Kosten profitieren.

Anders gesagt: Die mit GAIA-X vorangetriebene Vernetzung von Cloud-Infrastrukturen und Services soll die digitale Schlagkraft und Unabhängigkeit europäischer Unternehmen stärken und so Vorschub für datenbasierte Innovationen leisten.

Prinzipien und Praxis

Wie alle Teilnehmer am GAIA-X Projekt hat sich auch A1 Digital zur Einhaltung von Leitprinzipien verpflichtet. Die Roadmap zur europäischer Datensicherheit, -souveränität und Innovation steht unter den Zeichen Schutz der Datensouveränität, Datenverfügbarkeit, Interoperabilität und Portabilität, Förderung von Transparenz und fairer Teilhabe.

Auch deshalb spielen die technischen Infrastrukturen und deren offene Standards nicht nur für uns eine der Hauptrollen bei der Umsetzung. Damit Daten und Dienste ohne Reibungsverlust zwischen den verschiedenen Cloud-Instanzen und Provider-Plattformen fließen und wirken können, werden zu den nötigen Schnittstellen und Virtualisierungsschichten gewiss auch hochmoderne Verwaltungsverfahren kommen. Hierbei kann sich A1 Digital beispielsweise mit Container-Technologie und Kubernetes einbringen, ein Feld, in dem wir bereits über viel Know-how und Erfahrung verfügen.

Was uns bei der Arbeit an GAIA-X aktuell besonders freut: Die anfangs eher traditionell aufgestellte Organisation der kooperativen Entwicklungsarbeit an GAIA-X weicht zusehends agileren und damit effektiveren Vorgehensweisen. So ist das Onboarding für neue Teilnehmer deutlich vereinfacht worden; der fachliche Austausch und die Kommunikation funktionieren; und statt starren Arbeitsgruppen gibt es inzwischen Aufgabenpakete innerhalb der drei „Workstreams“ Use Cases, Infrastruktur und Services.

Die Teams, in denen wir aktiv sind, arbeiten sehr ergebnisorientiert und kameradschaftlich, wobei die jeweilige Firmenzugehörigkeit und -Kultur nur eine untergeordnete Rolle spielt. Das steigert die Schlagzahl und macht das Miteinander spannend.

Zwar wird gewiss noch einige Zeit ins Land gehen, bis der verbindliche Leistungskatalog, ein einheitliches Abrechnungssystem und die gemeinsame Bedienungsoberfläche von GAIA-X vorliegen. Aber auf dem Weg zu einer gemeinsamen Plattform, über die Unternehmen die jeweils passendsten Kapazitäten und Anwendungen (sei es für eigene Entwicklungsprojekte, Lastspitzenabfederung, KI-Tests oder das Tagesgeschäft) nach Bedarf und Budget zusammenstellen können, geht es gut voran: Piloteinsätze mit funktionsstarken Prototypen wird es voraussichtlich bereits Anfang 2021 geben.

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Hans Berndl

Hans ist begeistert von Technologie und dem Teilen von Wissen. Er ist Senior Manager mit langjähriger Berufserfahrung in der führenden Software-Branche. Er ist spezialisiert in den Bereichen Unternehmenssoftware, Produktmanagement, Markteinführungsstrategien und strategisches Marketing. Hans ist ein engagierter Manager mit einem Master of Business Administration (MBA) mit dem Schwerpunkt General Management von der Liverpool John Moores University.
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